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Leseprobe

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Leseprobe „Die Töchter des Münterhauses“

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Juli 1938

»Frau Ella, ich wollt mich von Ihnen verabschieden.« Amalia

stand in der Türöffnung des Wohnraums, fertig gekleidet zum

Ausgehen. Über dem knöchellangen schwarzen Trachtenrock,

der zu ihrem Sonntagsstaat gehörte, trug sie eine dunkelgrüne

Lodenjacke, bis zum obersten Knopf geschlossen. Nur der weiße

Kragen der Bluse blitzte über der Paspelkante des Stehkragens

hervor. Über ihrem strengen Haarknoten im Genick saß

ihr Werdenfelser Nadelfilzhut, ganz schlicht mit einer dunkelgrünen

Kordel verziert. Sie richtete ihren Blick nach unten auf

ihre bauchige, stramm gefüllte Bügeltasche aus grobem Leinen.

Sie fühlte ihren Herzschlag bis zum Hals, das Klopfen stieg

immer höher in Richtung ihrer Ohren.

Gabriele Münter hielt inne, gerade hatte sie den Pinsel in ein

leuchtendes Blau auf ihrer Farbpalette getaucht. »Besuchst du

deine Verwandten im Nachbarort? Habe ich das etwa überhört,

als du es mir angekündigt hast? Oder ist’s was Unvorhergesehenes,

musst du wieder mal zu Hause aushelfen? Sind deine

Mutter oder deine Schwägerin krank geworden?« Gabriele

drehte den Kopf in Amalias Richtung, denn die Staffelei mit

der aufgezogenen Leinwand stand schräg zur Tür.

»Nein, Frau Ella … ich … ich gehe.« Sie seufzte tief. »Ich

muss weg. Für länger.« Amalia hielt ihren Kopf gesenkt, sodass

Gabriele nur den oberen Hutrand über ihrem Kopf sehen

konnte.

Wie in Zeitlupe legte Gabriele ihre Palette und den Pinsel

auf einem mit allen Farbtönen beklecksten Tischchen ab, erhob

sich von ihrem Hocker, strich mit ihren Händen über

ihren bunt gesprenkelten Malkittel und ging langsam auf

Amalia zu. »Ama, wie meinst du das? ›Für länger‹?«

Amalia hob langsam den Kopf, der ihr zu zerspringen drohte,

und gerade als ihre Augen mit denen Gabrieles auf gleicher

Höhe waren, sackte sie ohnmächtig in sich zusammen. Gabriele

streckte ihre Arme aus, um sie aufzufangen, aber sie war zu

langsam. Amalias Kopf schlug auf dem Boden auf.

»Johannes, schnell, kommen Sie«, rief sie laut in Richtung

der offenen Tür, in der Hoffnung, dass es Johannes Eichner im

oberen Stockwerk hören würde. Sie ließ sich neben der leblos

wirkenden Amalia nieder, hob deren Kopf behutsam an und

bettete ihn in ihren Schoß. »Johannes, Ama ist ohnmächtig geworden,

kommen Sie, ich brauche Ihre Hilfe.« Sie beugte sich

über den reglosen Körper und klopfte der Frau sachte auf die

Wangen. »Ama, komm zurück, ich brauch dich doch, meine

Liebe.«

Endlich stand Johannes Eichner, wie immer in Anzughose,

Einstecktuch und Hausjacke korrekt gekleidet, in der Tür. Er

erfasste die Situation mit einem Blick und schlug die Hände

zusammen. »Na, so ein Unglück, liebe Gabriele. Ich hole ein

feuchtes Handtuch, vielleicht hilft das.« Er machte zwei

Schritte auf Gabriele zu, blieb aber dann abrupt stehen, als wäre

er abgebremst worden.

»Im Schränkchen über dem Ausguss ist Riechsalz, und bringen

Sie auch ein Glas Wasser mit.«

Während Gabriele versuchte, sich im Sitzen am Türstock

anzulehnen, hörte sie Johannes in der Küche herumkramen; es

klapperte und klirrte, dabei redete er vor sich hin. Nach einer

gefühlten Ewigkeit kam er zurück, zum Glück mit dem Fläschchen

und einem Handtuch.

»Der beißende Geruch wird selbst Tote erwecken.« Gabriele

zog die Nase kraus, während sie die Flasche dicht vor Amas

Nase hielt. Johannes stand daneben, legte die Hände vor dem

Bauch aneinander, sein Blick wanderte zwischen Gabriele und

Amalia hin und her. Er wirkte, als wäre ihm die am Boden liegende

Hausangestellte persönlich unangenehm.

»Falten Sie das Handtuch, und legen Sie es ihr auf die Stirn.

Danach nehmen Sie die monströse Reisetasche weg und holen

die Decke und ein Kissen vom Diwan.« Gabriele erteilte klare

Anweisungen, sonst würde Johannes noch länger unschlüssig

herumstehen.

Erleichtert, ihr zur Hand gehen zu können, reichte er Gabriele

das Kissen, die es zwischen ihren Schoß und Amalias

Kopf schob, und breitete die Decke über Amalias Körper aus.

In diesem Moment kam Amalia wieder zu sich, sie bewegte

die Arme und hob den Kopf. Als sie erkannte, dass sie am Boden

auf dem Schoß ihrer Arbeitgeberin lag, versuchte sie, sich

sofort aufzurichten. Die ungewohnte Nähe ihrer verehrten

Gabriele war ihr zwar nicht zuwider, aber es gehörte sich einfach

nicht.

Doch Gabriele hielt sie zurück. »Sachte, sachte, jetzt bleib

schön liegen und atme tief durch. Langsam ein und aus. Johannes,

geben Sie mir das Glas Wasser, das wird helfen.«

Er beugte sich steif zu ihr hinunter und reichte ihr das Glas.

»Kann ich noch etwas tun?«

»Ich glaube, jetzt komme ich gut zurecht. Ich bleibe hier bei

Ama, bis sie selbst wieder in der Lage ist, sich zu erheben. Vielen

Dank, mein Lieber«, entließ sie ihn aus der für ihn misslichen

Situation.

»Ich lasse die Türen offen. Wenn Sie etwas benötigen, dann

rufen Sie. Ich bin jederzeit bereit, Ihnen helfend unter die Arme

zu greifen.« Johannes wirkte erleichtert, dass die beiden

Frauen nun ohne ihn zurechtkommen würden.

»Entschuldigen S’ bitte, Frau Ella, das hatte ich nicht kommen

sehen, aber genau das wollte ich vermeiden.«

»Ich glaube, du musst mir jetzt einiges erklären. Bitte schön,

sag mir doch, was passiert ist. Hast du eine Krankheit, oder ist

deiner Familie ein Unglück widerfahren …?«

»Weder das eine noch das andere. Ich …« Ama suchte nach

Worten. »Ach, wenn ich es doch ungeschehen machen könnte,

ich habe schon alles Mögliche versucht, aber … Ich weiß

einfach nicht, wie es weitergehen soll.« Amalia brach in Tränen

aus und ließ den Kopf wieder auf das Kissen sinken, dabei

versuchte sie, sich von Gabriele wegzudrehen.

»Schsch, beruhige dich. Und dann erzählst du mir, was dich

so sehr belastet, dass du wie ein leerer Ballon zusammenfällst.

« Gabriele strich ihr wie eine Mutter ihrem Kind über

den Kopf und die Wangen.

Diese liebevolle Berührung tat Amalia gut, aber es durfte

nicht sein, ihre Lage war ihr mehr als peinlich. »Ich wollt

unter allen Umständen vermeiden, dass Sie mich mit Schimpf

und Schande aus dem Haus jagen, ich will Sie doch nicht dem

Gerede der Nachbarn aussetzen, das haben Sie nicht verdient.

Ich muss weg, so schwer mir das fällt.«

Die Worte brachen wie ein lang aufgestauter Wasserfall aus

Amalia heraus, Gabriele verstand allerdings noch weniger als

vorher. Ihr Gesichtsausdruck wirkte wie ein Fragezeichen.

»Ama, du sprichst in Rätseln. Sag’s mir doch freiheraus, was

die Ursache für deinen Schwächeanfall ist. Ich kann mir mit

größter Fantasie keinen Grund vorstellen, weswegen ich dich

aus dem Hause verbannen sollte.«

»Frau Ella, ich bin guter Hoffnung. Dabei kann von Hoffnung

nicht die Rede sein und von gut schon gar nicht.« Tränen

quollen aus Amas Augen, der Fleck auf dem Kissen wurde

immer größer.

Gabriele riss überrascht die Augen auf. »Jetzt bin ich

sprachlos, in der Tat, das muss ich ehrlich zugeben. Lass mir

eine Weile Zeit, deine Nachricht mit allen Folgen zu verstehen

und mir auszumalen.« Gabriele schloss die Augen, strich

Amalia aber weiter über die Wangen.

Amalia kannte diese Reaktion, wenn Gabriele nachdachte.

Es würde dauern, bis sie alle Für und Wider der Nachricht gedanklich

erörtert und alle Folgen und Konsequenzen für jeden

der Beteiligten durchgespielt hatte.

Ama, wie sie von Gabriele genannt wurde, seitdem sie als

dreizehnjähriges Mädchen ins Münterhaus gekommen war,

um die Haushälterin zu unterstützen, ließ sich erneut laut

seufzend tiefer auf das Kissen sinken. Sie wusste, jetzt musste

sie abwarten. Gabriele würde sich nicht drängen oder gar in

irgendeiner Form beeinflussen oder unterbrechen lassen. Und

schon wieder türmten sich Amalias Ängste über ihre Zukunft

gedanklich zu Bergen, die höher waren als die Gipfel des Werdenfelser

Landes rund um Murnau. Wie konnte das ihr, in

ihrem hohen Alter von einundvierzig Jahren, passieren? Wie

sollte sie sich um ein Kind kümmern, da sie doch für ihren Lebensunterhalt

arbeiten musste. Dem Münterhaus und seinen

beiden Bewohnern den Rücken zu kehren, käme ihr nie in den

Sinn. Gabriele Münter und Johannes Eichner waren ihr mehr

als ihre eigene Familie ans Herz gewachsen – sie waren ihre

Familie.

Deswegen hatte sie den Plan gefasst, bis zur Geburt des Kindes

in Garmisch unterzukommen, denn sie wollte die Herrschaften

nicht durch ihre Schwangerschaft kompromittieren

und dem Gerede der Leute aussetzen. Ihr Entschluss hatte

nach langem Überlegen festgestanden: Das Beste für alle wäre

es, das Kind nach der Entbindung in ein Heim zu geben. Danach

könnte sie wieder ihren Aufgaben im Hause Münter

nachkommen. Es würde ihr zwar das Herz brechen, Alexejs

Kind wegzugeben, aber das war in ihren Augen die einzig

praktikable Lösung.

Was hatte sie nicht alles versucht, um die Schwangerschaft

abzubrechen. Tees, Kräutermixturen, die ihr tagelang Schmerzen

und heftige Krämpfe verursacht hatten, heiße Bäder, lange,

äußerst anstrengende Wanderungen, aber nichts hatte geholfen.

Das Kind war anhänglich, es ließ sich nicht vertreiben,

ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Benedikt pflegte sie eine

herzliche und vertraute Beziehung. An ihr als Mensch, als

Tochter, Schwester oder Schwägerin hatte außer ihm keiner in

der Familie echtes Interesse. Lediglich bei Geburten oder

Krankheiten war sie gut genug, als Arbeitskraft im Haushalt

der Geschwister oder Eltern einzuspringen. Gabriele hatte dafür

immer Verständnis, und selbst darüber lästerten die Familienmitglieder.

»… geboren?«

Amalia war so in Gedanken versunken, dass nur das letzte

Wort von Gabrieles Frage in ihrem Bewusstsein ankam.

»Was meinen Sie, Frau Ella? Ich war so weit weg grad.«

Gabriele wiederholte die Frage und schaute Ama dabei tief

in die Augen.

»Wenn ich mich nicht verrechnet habe, dann müsste es im

Oktober so weit sein.« Amalia versuchte, sich aufzurichten.

»Komm, wir machen es uns am Tisch bequem und reden.

Später holen wir den Eichner dazu, dem fällt sicher auch was

Gescheites ein.«

Gabriele half Amalia auf, was ihr sichtlich unangenehm

war, denn bisher musste ihr keiner helfen, egal in welcher Situation.

Während sie in die Höhe kam und gewohnheitsmäßig

mit den Händen über die Jacke und den Rock strich, damit

kein Stäubchen oder Fältchen darauf zu sehen waren, wurde

sie von Gabriele taxiert.

»Es ist kaum was zu bemerken. Selbst wer dich kennt, käme

nicht auf den Gedanken, dass du in anderen Umständen bist.«

»Vor allem denkt bei meinem Alter keiner an ein Kind«,

konstatierte Amalia nüchtern, »wenn überhaupt, dann an zu

üppiges Essen.«

»Was in diesen mageren Zeiten kaum möglich ist. Aber lassen

wir es, uns den Kopf über die Gedanken anderer zu zerbrechen.«

»Ich kann nicht zu meinen Eltern gehen, denn die schmeißen

mich hochkant raus, wenn sie etwas davon erfahren. Ich

mag’s mir gar nicht vorstellen …«

»Meine liebe Ama, du bleibst hier bis zur Niederkunft, das

Kindlein wird hier im Haus geboren und hier bei uns und in

deinem kleinen Häuschen aufwachsen.« 

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Leseprobe „Das Leuchten der Gipfel“

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Januar 2021
Bekkas Ankunft

»Ja, Madl, is des a Freid, dass du mi bsuchst«. 

Bekka konnte es kaum glauben. Sie hatte mit Ablehnung gerechnet und war bereit gewesen zum sofortigen Rückzug. Alles hatte sie erwartet, nur nicht diese herzliche Begrüßung ihrer Oma Nanny. Sie ließ sich immer tiefer in deren Arme fallen. Die Umarmung umhüllte sie wie ein Kokon, dessen Seidenfaden aus Geborgenheit und Liebe bestand. Nichts Unangenehmes, nur Vertrautes – als hätte es die letzten zehn Jahre nicht gegeben.

»Kommt nur rein in die gute Stubn, ich hab grad an Kaffee aufgsetzt, und an Topfenstrudel hab i a. Mei, is des schee, so a Freid.«

Während Nanny ihre Enkelin und ihren Sohn Benji, der sich wortlos im Hintergrund hielt, in die Wohnküche schob, wiederholte sie es wieder und wieder. »Is des a Freid. Hats dir in Berlin nimmer gfalln, hast Sehnsucht ghabt nach die Berg?« Die Oma tätschelte Bekkas dunklen Lockenschopf und drückte ihre Enkelin immer wieder an sich. Sie äußerte sich nicht über die bunten Strähnen am Pony, obwohl Bekka sie mehrmals um ihre Finger gewickelt hatte und vor Nervosität hin und her zwirbelte. 

Bekka schloss die Augen. Das war es, was ihr gefehlt hatte, die Herzenswärme von ihrer Oma Nanny. Sie umarmte die alte Frau, und Tränen flossen. »Ach, Nanny … es tut mir furchtbar leid, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe. Ich …«

»Lass gut sein, Madl, alles hat sei Zeit. Aber erzähl, wie ists dir ergangen? Studiert hast, hat der Benji erzählt, und gleich zwei Abschlüsse hast in der Taschn! Kannst stolz sein auf di.«

Stolz? Das Gefühl war ihr fremd. Früher, ja, da war sie vor Stolz geplatzt, wenn sie eine gute Note nach Hause brachte oder mit den Eltern zusammen einen Gipfel bestieg, ein Tennisturnier gewann oder von der Nanny gelobt wurde, weil sie die Tageseinnahmen des Gasthauses sorgfältig eingetragen hatte und bis auf den Cent alles stimmte. Aber in den letzten Jahren war ihr dieses Gefühl abhandengekommen, vermutlich, weil es niemand gegeben hatte, der sich dafür interessiert hätte.

Sie saßen in der Wohnküche, genauso wie früher. Ihr Vater Benji am Kopfende, Bekka auf der Chaiselongue und Nanny gegenüber auf dem Lehnstuhl, der mit Kissen ausgepolstert war. Die Kuhle auf dem Sofa fühlte sich noch genauso an wie früher, eine der Polsterfedern stach durch den Velourbezug und pikste sie in den Po. Sie grinste über diese vertraute Stichelei, als wäre es eine Begrüßung. Der Duft des frisch aufgebrühten Kaffees vermischte sich mit den süßlichen Schwaden des Strudels, der rauchige Geruch des leise knisternden Herdfeuers, mit dem Nanny selbst im Sommer kochte – Bekkas Sinne erkannten all das wieder, es hatte sich für immer in ihre DNA eingebrannt.

Nanny öffnete die Tür des Geschirrschranks, das quietschende Scharnier erklang wie früher in der gleichen Klangfolge. Den letzten Ton, der schon immer ausgeblieben war, pfiff Bekka. 

Alle drei lächelten, jeder hatte darauf gewartet.

Nanny reichte Bekka einen Teller, den sie zuunterst aus dem Tellerstapel hervorholte. »Meinen Lieblingsteller, den hast du noch?« Bekka strich mit der Fingerkuppe rund um den Rand, der mit Vergissmeinnicht-Blümchen bemalt war. Sie stoppte an einer bestimmten Erhebung, sie würde sie auch blind ertasten. Dieses Blümchen war nur auf ihrem Teller, auf allen anderen Tellern des Services, das seit jeher nur an besonderen Tagen herausgeholt wurde, fehlte es.

Gewohnheitsmäßig wischte Nanny mit der Hand über das blitzblanke Wachstischtuch, bevor sie den Teller abstellte, und achtete darauf, dass trotz des riesigen Stücks Topfenstrudel das Blümchen sichtbar blieb. Jede Bewegung, jede kleinste Geste war Bekka vertraut. Nichts fehlte, nichts war dazugekommen.

»Lass es dir schmecken, Madl. Und erzähl mir, wies dir geht.«

Bekka mampfte vor sich hin. »In Berlin ging’s mir schon gut, vor allem anfangs war es sehr aufregend, ganz anders als in München. Nach dem Studium habe ich verschiedene Arbeitsstellen ausprobiert, bis Corona kam. Dann war alles weg, meine Jobs, meine Mitbewohner und sogar meine Wohnung.« Sie zögerte. »Ich hätte mich fast nicht getraut, einfach so bei dir wieder aufzutauchen, aber Papa meinte, das wär genau das Richtige für mich, jetzt zu dir zu ziehen.«

»Da hat er scho recht, dei Papa.« Sie nickte ihrem Sohn zustimmend zu. »Wie lang warst in München, dort is ja kaum Platz für drei Leit?«

»Ein paar Tage, dann hatten wir genug voneinander.« Sie lachte ihren Vater an. »Nein, ich finde wir haben uns super verstanden. Chiara war ausgesprochen lieb, obwohl ich Papa und sie vollkommen überrumpelt hatte mit meinem Besuch. Aber zu dritt in einer Dreizimmerwohnung wird der Platz schnell eng, vor allem, weil Paps und Chiara im Homeoffice arbeiteten und ich nie wusste, wie ich meine Zeit verbringen sollte. Wegen der Coronabestimmungen konnte ich ja nirgendwo hin, niemanden treffen, die Cafés und Kinos waren zu … einfach ätzend. Und in München halten sich die Leute viel krasser an die Vorschriften als in Berlin, da ging schon das ein oder andere.«

 
Der erste Abend

»Dei altes Zimmer wart scho auf di.«

»Alles ist noch wie früher? Kann man den Turm noch besteigen?«

Das, was Bekka immer als ihren Turm bezeichnet hatte, war ein quadratischer Erker über dem Hauseingang mit einer riesigen Zwiebel als Abschluss, der den beiden darüberliegenden Stockwerke vorgelagert war und über den hohen First des Hauses hinausragte. Früher, lange vor Bekkas Zeit, war dort eine Glocke gehangen, mit der das Dorf beim Ausbruch eines Feuers oder bei nahendem Unwetter gewarnt wurde. Später, als die Glocke nicht mehr gebraucht worden war, hatte Nannys Mutter an allen vier Seiten Fenster einbauen lassen. So war daraus eine Art Turmzimmer mit dem Zugang über eine Wendeltreppe von Bekkas Zimmer aus geworden. 

Bekka hatte als Kind im Turm Rapunzel und Dornröschen gespielt, stundenlang war sie in ihre Märchenwelt versunken. Sie wechselte die Rollen, einmal war sie der mutige Prinz, ein anderes Mal die verzauberte Prinzessin. An Nanny gekuschelt verfolgte sie im Turm schwerer Gewitter, seitdem war ihre Angst davor verschwunden. Als sie älter wurde, bewunderte sie die Aussicht auf den Wendelstein und die umliegenden Gipfel, die nach Wetterlage zum Anfassen nah oder im Dunst weit weg und unerreichbar schienen. Und ganz besonders schön in ihrer Erinnerung waren die Nächte, in denen sie zwischen Mum und Paps in dicke Decken gewickelt den Sternenhimmel beobachtete. So hell und nah wie hier in den Bergen hatte sie das nie mehr erlebt. 

Nicht einen Gedanken daran hatte sie sich in den vergangenen Jahren gestattet. Sie hatte ihre Erinnerungen in einem tiefen Schacht abgelegt und den Weg dorthin mit einigen Umleitungsschildern versperrt, um ihnen nicht zu nahe zu kommen. Als hätte sie Angst gehabt, diese Erlebnisse könnten ihr Leben, für das sie sich mit Beginn des Studiums in Berlin entschieden hatte, auf den Kopf stellen. 

Aber jetzt kribbelte es in ihren Händen und Füßen, sie verspürte eine Lust und wollte plötzlich all das wiederfinden. Ob sie die alten mit den neuen Erlebnissen würde verknüpfen können?

»Alles is noch da, es wart nur auf di.« Nanny lächelte und stupste ihr auf die Nase. »I wusst, dass du wiederkommst. I musst nur warten. Und i hätt a no länger gwart.«

Bekka stand auf und umarmte ihre Oma über die Stuhllehne hinweg. »Ach, Nanny, das tut so gut, hier bei dir zu sein. Und ich ärgere mich wahnsinnig, dass ich so a schlechte Enkelin war die letzten Jahre.«

Nanny schüttelte nur den Kopf und strich ihr über die Locken. »Passt scho, Madl, jetzt bist ja da.«

Benji schleppte unter übertrieben lauten Ächzlauten die beiden riesigen Koffer nach oben, den Rucksack schulterte Bekka selbst. »Was hast du bloß alles da drin, die sind ja Tonnen schwer?«

»Alles, Papa, das ist alles, was ich besitze.« Plötzlich liefen die Tränen, und Benji nahm sie in den Arm.

»Schsch. Ist alles a bisserl viel auf einmal. Wirst sehn, alles wird gut.«

 

 

Bekka wühlte ihre Waschtasche und ein ausgeleiertes Shirt aus dem Rucksack, alles Übrige würde sie in den kommenden Tagen auspacken. Nanny hatte das Zimmer schon vorbereitet, denn Benji hatte ihre Ankunft angekündigt. Bekka erkannte ihre Lieblingsbettwäsche mit den kleinen Röschen wieder – ihr Dornröschenbett.  Selbst heute fand sie das Rosenmuster irgendwie gut … vintagemäßig. Sie warf sich aufs Bett und kuschelte sich ein, wie früher. Jetzt fehlte nur noch, dass Nanny hereinkam und ihr eine gute Nacht wünschte, aber dazu war sie wohl doch ein bisschen zu alt. Aber sie täuschte sich, denn es klopfte an der Tür, die einen Spalt geöffnet wurde. 

»I dacht, i schau noch mal rein zu dir. Passt alles, brauchst was für die Nacht?« Nanny blieb im Türrahmen stehen.

»Machst du die Mumie?«

»Ja, freili, des tu i doch gern.« Als wäre kein Tag seit dem letzten Mal vergangen, schob die alte Frau die Ränder der Decke unter die ausgestreckt daliegende Bekka, erst die Längsseiten, dann die Querkante unter die Füße. »Und jetzt schlaf gut, mei Madl.« Nanny drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging aus dem Zimmer.

Bekka starrte an die Decke, an schlafen war nicht zu denken. Ihre Gedankenkarussell drehte sich und wurde immer schneller, sie versuchte, einen Gedanken festzuhalten, um auszusteigen oder zumindest das Karussell zu verlangsamen. 

Was war bloß in sie gefahren, dass sie den Kontakt zu Nanny mit jedem Jahr in Berlin mehr und mehr reduziert hatte? Anfangs hatte sie Nanny mindestens einmal im Monat angerufen, dann waren die Telefonate immer sporadischer geworden, und zum Schluss hatte sie an Nannys Geburtstag, an Weihnachten und manchmal zum neuen Jahr angerufen. Immer mit einem schlechten Gewissen, immer kurz angebunden, ohne dass es zwischen ihr und Nanny zu einem Streit oder irgendeiner Äußerung der Kritik oder Ablehnung gekommen war. Dabei hätte Bekka dringend jemanden gebraucht, mit dem sie den Schock der plötzlichen Trennung der Eltern und den damit verbundenen Verlust von allem, was ihr bis dahin wichtig gewesen war, besprechen und aufarbeiten hätte können. Mit ihrer Sprachlosigkeit hatte sie sich und die wichtigsten Menschen bestraft, die bis dahin zu den unverrückbaren Säulen ihres Lebens gehört hatten.

Dabei hatte Nanny mit der Scheidung ihrer Eltern nichts zu tun gehabt, sicher wäre es ihr auch lieber gewesen, dass die beiden zusammengeblieben wären. Paps war total verliebt in Lilly gewesen – bis zum Schluss und vermutlich weit darüber hinaus. Den Tag nach ihrer Abifeier würde sie nie vergessen, er hatte seitdem den Rest ihres bisherigen Lebens bestimmt.

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Leseprobe "Berggeflüster und falscher Hase"

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Idas Ankunft

Der Hof lag vor ihr. Die tiefe Schlucht zwischen ihrem Aussichtspunkt an der Bergstraße und dem Gebäude auf der Anhöhe gegenüber war kaum wahrzunehmen. Es lag am Rand der bayerischen Alpen und zeugte von Bodenständigkeit und einem arbeitsreichen Leben. Haus und Scheune waren eingebettet in ein terrassenartiges Plateau, dahinter erhoben sich sanft ansteigende Wiesen, die allmählich in die schroffen Felsen übergingen. Die klare Morgenluft täuschte über die Entfernung des fast 1800 Meter hohen Gipfels hinweg, er wirkte zum Greifen nah. Darüber nichts als wolkenloser blauer Himmel, nur ein paar Dohlen segelten unbesorgt durch die Luft.

Unterhalb des Plateaus drängten sich Büsche und Laubbäume an den in immer steileren Stufen abfallenden Hang. Der Bewuchs verdeckte die tiefe Schlucht des Bergbaches, die die rauschende Jagster Ache in Zigtausenden von Jahren Millimeter für Millimeter tiefer in den Stein geschliffen hatte. 

Ein breiter, von prächtigen Ahornbäumen gesäumter Schotterweg, der von der Hauptstraße in Richtung Hof abzweigte, leuchtete zwischen dem Grün der Wiesen hervor. Er mündete in einem Bogen in der breiten Auffahrt zum Wohnhaus. In der Senke darunter lag ein kleiner Weiher, umgeben von leuchtenden gelben Blumen und hohem Schilf. Das Plätschern des Brunnenwassers vor dem Haus konnte sie nur sehen, nicht hören, aber sie ergänzte gedanklich das vertraute Geräusch.

Hinter dem zweistöckigen Wohnhaus erstreckte sich der Stall mit der angrenzenden Scheune, die weit über die Länge des Hauses hinausragte. Sie begrenzte den großen Hof mit dem ausladendenden Ahorn in der Mitte. Ein umzäunter Bauerngarten mit wild wucherndem Grün, dem selbst auf die Ferne anzusehen war, dass lange keine ordnende Hand darin gewirkt hatte, bildete den Abschluss des Hofplatzes im Osten.

Ida ließ den friedlichen Eindruck noch einige Minuten auf sich wirken. Dass der Hof sich nicht zur Schau stellte, sondern einfach da war, still und selbstverständlich, aufgeräumt, als wäre er mit sich selbst zufrieden, hatte eine wohltuende Wirkung auf sie. Sie beschloss, ihren Weg fortzusetzen.

 

Sie parkte im Hof unter dem Ahorn. Sie fühlte sich klein und unbedeutend unter dessen mächtiger Krone, aber trotzdem beschützt. Früher war am Baum eine Schaukel gehangen, auf der sie sich als Kind immer vorgestellt hatte, fliegen zu können – über die Berge hinweg in ein Land, das sie sich in ihren Lieblingsfarben bunt ausgemalt hatte.

Zwischen Scheune und Wohnhaus, die parallel hintereinanderstanden, waren etwa zwanzig Meter Abstand. Aus dieser Perspektive wurde ihr die weitläufige Größe der Hofanlage bewusst, denn was aus der Ferne dicht gedrängt gewirkt hatte, erwies sich nun als großzügig bemessen. Die angrenzenden Wiesen waren frisch gemäht und leuchteten in hellem Grün. Das schon leicht angetrocknete Gras war traditionell zum Trocknen auf Heuböcken aufgeschichtet.

Ida strich mit der Hand über die Halme und sog den intensiven Duft nach Kräutern ein.

Das Haus wirkte mit den verriegelten Fensterläden hermetisch verschlossen, aber trotzdem nicht abweisend. Über der breiten, zweiflügelige Haustür aus geschnitztem Holz mit der Jahreszahl 1879 ragte ein Balkon mit verwittertem dunklem Holzgeländer hervor. Ein wild rankender Rosenstock kletterte neben der Haustür an einem Spalier bis zum Balkongeländer, die unzähligen Knospen wirkten, als würden sie jederzeit aufplatzen. Auf der anderen Seite stand eine massive Bank aus halben Baumstämmen. Die große Steinplatte vor der Eingangstür war zu den Kanten hin leicht abgerundet, abgeschliffen durch die vielen Füße, die in dem fast 150 Jahre alten Hof ein- und ausgegangen waren.

Nun war sie an der Reihe, die Steinplatte weiter zu formen. 

Sofort tauchten ihre alten Zweifel und die Frage auf, ob sie hier wirklich am richtigen Ort war. Eine Stimme, die sie nur zu gut kannte, flüsterte ihr ins Ohr: Was willst du hier? Warum in die Vergangenheit eintauchen?

 Ida wusste, dass es kein Problem wäre, das Erbe loszuwerden. Es gab genügend Münchner, die ihr den Hof mit Handkuss abkaufen würden, denn bei vielen gehörte ein traditionelles Wochenendrefugium in den bayerischen Alpen zum guten Ton – wie der Cabrio in der Tiefgarage oder das Segelboot am Starnberger See.

Über ihr spontanes „Ja“ auf die Frage des Notars, ob sie das Erbe annehmen wollte, war sie selbst anfangs mehr als erstaunt gewesen. Bis sie festgestellt hatte, dass dieses „Ja“ wie eine Flutwelle aus ihr herausgeströmt war, als hätte es seit Jahren darauf gewartet, befreit zu werden. Wie eine Aufforderung war es gewesen, sich allem, was mit diesem „Ja“ verbunden war, zu stellen.

 

Während Ida vor dem Eingang stand, erinnerte sie sich daran, wie sie mit ihrer Mutter vor unzähligen Jahren das Haus einer verstorbenen Tante ausgeräumt hatte. Wie ein Eindringling war sie sich damals vorgekommen, während die Mutter Zimmer für Zimmer durchforstet hatte. Bei jedem Öffnen einer Schublade hatte Ida sich wie ein Dieb gefühlt, der sich der persönlichen Besitztümer und Erinnerungen längst vergangener Generationen bemächtigte. Gefühle dieser Art waren ihrer Mutter fremd gewesen, sie hatte sich einfach schnell entschlossen, ob etwas brauchbar war oder nicht. Die zwölfjährige Ida hatte mit Ehrfurcht die mit Perlen bestickten Trachtenkleider aus schweren, dunklen Stoffen, Röcke aus Leinen, deren Säume mit farbigen Blütenranken in einer ganz eigenwilligen Art bestickt gewesen waren, bestaunt. Auch Handtücher, Tischdecken und Servietten waren aufwendig mit Stickereien verziert gewesen. Diese wunderschönen Dinge hätte sie damals gern für sich behalten. Sie hatte sich nicht gegen ihre Mutter aufgelehnt, die entschieden hatte, dass Idas ältere Schwester die wertvollen Stücke in die Aussteuer bekommen, der Rest aber in die Altkleidersammlung wandern würde.

Mit einem Ruck tauchte Ida aus der Erinnerung, die wie eine Mauer zwischen ihr und der wuchtigen alten Eingangstür stand, wieder auf.

Okay, hier draußen werde ich nicht weiterkommen.

Ida konnte sich an keine verwandtschaftlichen Beziehungen mit dem verstorbenen Besitzer, Maximilian Eggert, erinnern, sie hatte ihn gekannt, da er ihr Lehrer in der Realschule gewesen war. Und sie wusste, dass er nach dem Tod seiner Mutter allein gelebt hatte.

Bei der Erinnerung an seine Mutter, die von den Dörflern schlicht „Katt“ genannt worden war, ging ihr das Herz auf. Katt gab Ida immer das Gefühl, auf Idas Seite zu stehen, auch wenn ihr das damals nicht bewusst war. Ihre Mutter erledigte Näh- und Flickarbeiten für Katt, die Ida wöchentlich abliefern und abholen musste. Sie freute sich immer auf das Zusammentreffen, passte aber höllisch darauf auf, dass zu Hause nichts von ihrem kleinen Glück bemerkt wurde. Sie war sicher, ihre Mutter hätte das Abholen sonst selbst übernommen. Wenn sie zu Katt gehen durfte, fühlte sie sich befreit von der lieblosen Stimmung zu Hause, wo sie nur herumgeschubst und angekeift wurde. Katt erwartete sie meistens mit Kuchen und Kakao, im Sommer auch mal mit Eis und Limonade. Sie wollte immer genau wissen, ob sie Freundinnen hatte und wie es ihr in der Schule gefiele. Dieses große Interesse an ihrer Person kannte Ida überhaupt nicht, aber sie freute sich jedes Mal mehr über die Unterhaltungen, denn sie fühlte sich ernst genommen.

Einige Wochen vor Idas Kommunion schenkte ihr Katt einen wunderschönen cremeweißen Baumwollbatist. Ida hatte Angst davor, ihrer Mutter zu sagen, dass Katt darum gebeten hatte, aus dem Batist ein Kommunionskleid für sie zu nähen. Das Murren und Schimpfen, das sie erwartet hatte, blieb zu ihrem größten Erstaunen aus, und ihre Mutter nähte bereitwillig ein wunderschönes Kleid für sie.

Als sie Katt erzählte, dass sie selbst gern nähte, schenkte sie ihr eine Schnittvorlage und Stoff für eine Bluse und half ihr sogar beim Zuschneiden. Katt lobte sie überschwänglich, als Ida ihr die fertige Arbeit zeigte.

In Idas Tagträumen auf dem Heimweg war Katt ihre Großmutter, die sich liebevoll um sie kümmerte.

Für ihren Botendienst steckte Katt ihr jedes Mal ein wenig Geld zu, nicht wissend, dass Ida nie Taschengeld bekam.

Ida würde nie die Wärme vergessen, die sie durchflossen hatte, wenn Katt ihr zum Abschied über den Kopf gestrichen und erklärt hatte, sie würde sich freuen, wenn sie bald wiederkäme.

Katt war gestorben, kurz bevor Ida ihre Lehre in München beendet hatte. Sie war damals mit dem Zug nach Oberndorf zurückgefahren, um zur Beerdigung zu gehen. Da ihr wenig Zeit geblieben war, war sie direkt zur Aussegnung in die Kirche gegangen. Nach der Trauerfeier war ihre Mutter auf sie zugekommen und hatte sie angezischt, was sie denn hier wolle. Sie solle sofort nach München zurückfahren, damit keiner auf falsche Gedanken käme. Auf dem Weg zurück hatte Ida Überlegungen in viele Richtungen angestellt, was ihre Mutter mit dieser Äußerung gemeint hatte, aber sie war bis heute zu keinem Ergebnis gekommen. Irgendwann hatte sie die Andeutung vergessen, aber jetzt war sie wieder präsent.

Ob von Katt noch etwas im Haus zu spüren war? Eine seltsame Wendung in meinem Leben, jetzt als Eigentümerin hierher zu kommen, als wäre ich ein Familienmitglied.

Mit Herzklopfen machte Ida einen großen Schritt auf die Haustür zu und schob den klobigen schweren Schlüssel ins Schlüsselloch. Wie erwartet ließ er sich kaum drehen. Bei der Übergabe des Schlüssels hatte ihr Ludwig Angerer, der Bürgermeister, der sich bisher auf Vermittlung des Notars um den Hof gekümmert hatte, gesagt, dass er immer durch den Hintereingang ins Haus gehe, deswegen sei die Haupttür nicht in Gebrauch und entsprechend schwer zu öffnen.

Ida wollte jedoch heute durch die Vordertür ins Haus gehen, aus symbolischen Gründen – schließlich war sie ja jetzt Eigentümerin.

Irgendwann gelang es ihr, die Tür mit viel Druck zu öffnen. Sie zog den rechten Türflügel weit auf und löste die Verriegelung des zweiten Flügels, indem sie sich mit ihrem Körpergewicht an den Riegel hängte. Endlich gab er mit lautem Quietschen nach und rutschte in der Führung nach unten.

Ida klappte beide Türflügel weit auf, um frische Luft und Licht hineinzulassen. Sie ging in den geräumigen Hausflur. Die einfallenden Sonnenstrahlen malten Muster auf den schwarz-weißen Boden.

Der unerwartete Willkommensgruß zauberte ein leises Lächeln auf ihr Gesicht.

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